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am 5. September

Abriss in der Radetzkystraße gestoppt! Doch wie geht es weiter?

Webredaktion Grüne Landstraße - 30.6.2018 – die Baumaschinen stehen still. Arbeiter ziehen ab. Es wird wieder ruhig. Nach wochenlangen massiven Abrissarbeiten können die Mieter/innen in der Radetzkystraße 24-26 im 3. Bezirk endlich wieder für einen Moment aufatmen.

30.6.2018 – die Baumaschinen stehen still. Arbeiter ziehen ab. Es wird wieder ruhig. Nach wochenlangen massiven Abrissarbeiten können die Mieter/innen in der Radetzkystraße 24-26 im 3. Bezirk endlich wieder für einen Moment aufatmen.

Zwei Tage vorher wurde im Gemeinderat ein rot-grüner Initiativantrag beschlossen, dem zufolge vor 1945 errichtete Häuser nur mehr nach einer Prüfung durch die Stadt abgerissen werden dürfen. Der Grüne Gemeinderat und Mitarchitekt der neuen Bauordnung, Christoph Chorherr, sieht darin einen klugen und unbürokratischen Weg, um Gründerzeithäuser zu erhalten und weitere Abrisse zu vermeiden1.

Und das neue Gesetz zeigt Wirkung: Das 170 Jahre alte frühhistoristische Wohnhaus2 in der Radetzkystraße mit seinem markanten Eckturm wird von der zuständigen Magistratsabteilung als erhaltungswürdig eingestuft. Damit ist weiteren Abrissarbeiten ein Riegel vorgeschoben. Doch was wird jetzt aus den Bewohner/inne/n, denen buchstäblich das Dach über dem Kopf weggerissen wurde?

Zurück zum Anfang: Der große, dreiseitige Altbau, der gut sichtbar bei der Franzensbrücke an der Grenze von drittem und zweitem Bezirk liegt, ist vielen noch durch das „Kaffee Urania“3 bekannt. Das legendäre Café schloss 2016 nach über 80 Jahren. Seitdem steht das Lokal leer, wie auch etliche Wohnungen. Binnen weniger Jahre hat das Gebäude mehrmals den Eigentümer gewechselt. 2015 wurde begonnen, jüngere Mieter zum Auszug zu bewegen, erzählt eine langjährige Bewohnerin. Teilweise wurden scheinbar auch gezielt Personen neu einquartiert, die den verbliebenen Mieter/innen das Leben schwer machen sollten. Sogar die Polizei musste anrücken.

Im November 2017 haben sich Bewohner/innen erstmals an die Grünen Landstraße gewandt.4 „Es hat große Probleme in dem Haus gegeben. Bewohner/innen haben uns um Hilfe gebeten.“, so Klubobfrau Ulrike Pilgram, die in der Vergangenheit schon mit ähnlichen Fällen konfrontiert war. Seitdem besteht ein intensiver Kontakt zwischen Grünen und Bewohner/inne/n. Auch die Baupolizei wird eingeschalten.

„Wir haben von [Kategorie] D auf A saniert, viel investiert, Badezimmer und WC einbauen lassen, alle Leitungen erneuert, Schallschutzfenster und Etagenheizung einbauen lassen.“, berichtet eine Mieterin, die um viel eigenes Geld ihre Wohnung renoviert hat und diese auch nicht verlassen will. Doch es scheint, als habe der neue Eigentümer ganz eigene Pläne. Von einem riesigen Neubau mit Luxuseigentumswohnungen ist zu hören. Es winkt das große Geld. Doch der historische Altbau und die 25 Bewohner/innen stehen diesem Vorhaben im Weg.

Im Juni 2018 verschärft sich die Situation. Kleinere Abrissarbeiten finden im Inneren des Hauses statt. Die Verunsicherung steigt. Noch deutet aber nichts darauf hin, was bald über die Bewohner/innen hereinbrechen wird.

Am 19.6. ist es dann soweit: Arbeiter rücken an, ein Baugerüst wird aufgebaut, der historisch einzigartige Eckturm wird plötzlich eingerüstet. Angst macht sich breit. Erst durch Nachbarn aus dem Nebenhaus erfahren die Bewohner/innen, dass ihr Haus tatsächlich abgerissen werden soll. Der historische Fassadenschmuck wird im obersten Geschoß Stück um Stück abgeschlagen. Binnen kürzester Zeit ist das ganze Dach weg.

„Ich war geschockt, fand die Presslufthammer über meinem Kopf wie eine Körperverletzung. Selbst der Kranführer wundert sich, daß das Haus bewohnt ist.“, berichtete eine Bewohnerin.

Einen Abriss in einem bewohnten Hauses zu beginnen – das hat es selbst in der von Spekulation immer wieder gebeutelten Landstraße noch nicht gegeben.

„Als dann die Fenster rausgerissen wurden, zweifelte man an den Absichten eines Dachausbaus. Wenn es reinregnet, sind erst die Parkettböden und dann bald die Bausubstanz hin.“, befürchtet eine Bewohnerin.​

Am 30.6. endet der Abriss. Kurze Zeit später dann die Gewissheit: Das Haus ist erhaltungswürdig. Damit werden weitere Abrissarbeiten untersagt. Eine erste Erleichterung für die geplagten Mieter/innen. Doch der Zustand des alten Gebäudes hat entsetzlich gelitten: Vom Dach sind nur mehr einige Holzbalken geblieben. Ein ganzes Stockwerk ist vollständig demoliert. Dutzende Fenster wurden herausgerissen. Die Stiegenhäuser sind mit Schmutz übersät.

Jetzt setzt die Witterung der Bausubstanz zu. Das Provisorium, das als Dach dienen soll, hält den heftigen Sommergewittern nicht stand. Es regnet in die offenen Fenster hinein. Schimmelbefall droht. Wasserschäden in den Wohnungen häufen sich. Wertvolle Böden, wunderschöne Stuckaturen und die perfekt erhaltenen Gewölbe sind zusehends in Gefahr.

„Die geflämmte Dachfolie ist schon jetzt nicht dicht. Donnerstag [26.7.] war die Feuerwehr da, oben stand das Wasser und rann in die Wohnungen.“, so eine verzweifelte Mieterin, die sich dringend die Wiederherstellung von Dach und Fenstern wünscht. Wegen unsachgemäß ausgeführter Abdichtungsarbeiten am Dach wurde von der Baupolizei ein Strafantrag gegen den Eigentümer gestellt5. Die Dachfolie wurde daraufhin verstärkt. Ob das ausreichen wird, um die Bewohner/innen vor Regen zu schützen, wird sich weisen.

Noch wohnen 25 Personen in der Radetzkystraße 24-26. Die Bewohner/innen riefen eine Petition6 ins Leben, um auf die bedrohliche Situation aufmerksam zu machen. Binnen kürzester Zeit wurden die 500 erforderlichen Unterschriften erreicht. Das heißt, dass das Anliegen im Wiener Petitionsausschuss behandelt werden muss.

Die Grünen Landstraße setzen sich dafür ein, dass alle Mieter/innen in ihren Wohnungen bleiben können. „Es ist uns ein Anliegen, dass das historische Gebäude wiederhergestellt wird und dass die Bewohner/innen sicher und unbeeinträchtigt leben können. Vorrang haben jetzt das Dach und die fehlenden Fenster.“, so Bora Akcay, Klubobfrau-Stellvertreter der Grünen im 3. Bezirk.

Wir werden nicht lockerlassen!

Medienberichte (Auswahl):
Quellen:

(1) Rathauskorrespondenz vom 28.6.2018, https://www.wien.gv.at/presse/2018/06/28/26-wiener-landtag-3

(2) Das Wohn- und Geschäftshaus Radetzkystraße 24-26 wurde im Jahr 1847-1849 vom bekannten österreichischen Architekten Josef Kastan erbaut. http://www.architektenlexikon.at/de/1132.htm


(3) Nachruf für Hubert Horky, dem langjährigen Betreiber des „Kaffee Urania“:
https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wien/stadtleben/825198_Wiener-Kaffeesieder-Legende-verstorben.html


(4) https://landstrasse.gruene.at/themen/bauen-und-wohnen/der-kampf-ums-haus


(5) Bericht auf orf.at: https://wien.orf.at/news/stories/2926944


(6) https://www.wien.gv.at/petition/online/PetitionDetail.aspx?PetID=9cf3cb466f50481fbace26c9e3336037