Klimagrätzl Expert:innen-Gespräch Begrünung

Stadtbäume brauchen die Schwammstadt!“

Landschaftsplaner und Baum-Experte Thomas Roth und Elisabeth Gruchmann, Expertin für Vertikalbegrünung, waren bei uns im Grünraum3 zu Gast. Eine planzenfreundliche Umwelt in der Stadt zu schaffen, ist gar nicht so leicht, aber in einem Klimagrätzl können wir nicht darauf verzichten.

Eine Gesprächsreihe zum Klimagrätzl kommt nicht ohne das Thema Begrünung aus. Es ist die direkteste Maßnahme vor Ort, um die prognostizierten Folgen der Klimakrise in der Stadt abzumildern. Der einfache Grund: Grünflächen heizen sich durch die Sonne nicht so stark auf wie Asphalt oder Beton und sie nehmen Regenwasser auf und verdunsten es an heißen Tagen wieder. Große Baumkronen dienen zudem als Schattenspender und reduzieren so die Temperatur der bereits versiegelten Flächen. So weit, so gut, aber wie kriegen wir das hin, dass Jungbäume die harschen Bedingungen in der Stadt aushalten? Und was, wenn unter einer Straße kein Platz für ein großes Wurzelwerk ist, wie es Bäume nunmal brauchen? Ist die Fassadenbegrünung eine wirksame Alternative für die dichte Stadt?

Ausgangslage: schlecht

Dabei ist die Situation schon für die bestehenden Bäume besorgniserregend. Die einst beliebten Kastanienbäume zum Beispiel halten übermäßige Hitze nur schlecht, haben bereits im Sommer braune Blätter und stellen daher die Verdunstung ein. Der häufigste Gattung in Wien, der Ahorn (28 Prozent der Straßenbäume), gehört leider auch zu den gefährdeten Spezies. Hinzu kommen Streusalz im Winter und Hunde-Urin, der in die Erde gelangt und Bäum langsam aber stetig umbringt. Das Hauptproblem der meisten Stadtbäume ist aber der geringe Platz, der ihnen und den Wurzeln gelassen wird. Durch viel zu kleine Baumscheiben bekommen sie zu wenig Wasser, das stattdessen am Asphalt in das nächste Kanalgitter rinnt. Durch die Vibrationen das motorisierten Verkehrs verdichtet sich die Erde immer mehr und wird für Wasser nur schwer durchlässig. Die Folge ist, dass Bäume nicht ihre übliche Größe erreichen oder vorzeitig sterben. „Das wurde in den vergangenen Jahrzehnten leider wenig beachtet, wie wichtig ausreichend Wurzelraum ist“, weiß Landschaftsplaner Thomas Roth. „Was auch weniger bekannt ist: Die Wurzeln brauchen nicht nur Wasser, sondern auch Luft.“ Was also tun? „Die Lösung ist einerseits die richtige Baumgattung zu wählen und das so genannte Prinzip der Schwammstadt“, sagt Roth. Letzteres bedeutet, dass unter und neben der eigentlichen Baumscheibe der Wurzelraum weitergeht und damit auch der Untergrund unter den Fahrbahnen und Gehsteigen genutzt wird. Eine Mischung aus groben und feinem Material macht es möglich, dass sich dort Wasser ansammelt, wie in einem Schwamm und dem Baum als Reserve zur Verfügung steht. Zusätzlich zum direkten Niederschlag kann auch das Wasser von den Dächern hier gesammelt werden. Hierzulande ist das allerdings rechtlich noch nicht möglich. Die Frage, die wir uns in der Lokalpolitik stellen ist: Wieviel Platz braucht der Baum im öffentlichen Raum, damit er auch groß und stark wird? „Die Fläche auf der Straße ist gar nicht so wichtig, es kommt auf den Raum für die Wurzeln und den Untergrund an“, sagt Thomas Roth. 36 Kubikmeter sollten es idealerweise sein, was freilich ein Vielfaches dessen ist, was einem Wiener Straßenbaum derzeit zugestanden wird.

Welchen Baumgattungen gehört die Zukunft?

Neben den Umweltbedingung kommt es nun auf die Baumgattung an, wie gut ein junger Baum die Hitzesommer überstehen wird. Ahornarten, Eschen und viele Lindenarten können nur schlecht mit der Hitze umgehen und sollten daher nicht als Alleepflanzungen eingesetzt werden. Die Ulmen sind zwischenzeitlich wegen einer Krankheit ausgestorben und kommen jetzt mit neuen resistenten Züchtungen zurück. Ein positives Beispiel für eine vorausschauende Baumauswahl sind die Gleditschien auf der Mariahilfer Straße. Sie hält Phasen mit Wassermangel gut aus aber ist gleichzeitig tolerant gegenüber frostigen Temperatur, die ja in Wien auch noch vorkommen. Mit ihren großen breiten Kronen beschatten sie die Straße praktisch von Fassade zu Fassade, lassen aber dennoch genug Licht durch. Weitere „Zukunftsbäume“ wären der Zürgelbaum, der übrigens auch essbare Früchte hat, der Geweihbaum oder der Schnurbaum. Der digitale Stadtplan von Wien bietet übrigens den Service „Umweltgut“ mit dem man u.a. den Baumkataster über den Plan legen kann. So könnt ihr nachsehen, welche Baumarten wann bei euch in der Umgebung gepflanzt wurden.

Und was kostet so ein Jungbäumchen nun? Das kommt auf die Stammstärke in einem Meter Höhe an, die üblicherweise bei einer Neupflanzung 20 bis 25 cm Umfang misst. Dann wären ca. 500 Euro zu veranschlagen. „Die Politik wünscht sich aber lieber größere Bäume mit rund 50 cm Stammumfang, was aber einige tausend Euro kosten kann“, weiß der Experte. „Außerdem hat so ein Baum viel mehr Gewicht, benötigt eine tiefere Pflanzgrube und wächst nicht mehr so gut an.“

Ausweg Fassadengrün?

Das bisher gesagte zeigt schon: Als Goldstandard in der Stadtbegrünung sind Bäume sehr anspruchsvoll und können mit den vorgeschriebenen Mindestabständen zu den Gebäuden auch nicht überall eingesetzt werden. Warum nicht also die Gebäude selbst begrünen um einen kühlenden Effekt zu erzielen? Das ist die Expertise von Elisabeth Gruchmann, Projektmanagerin bei der Grünstattgrau GmbH, dem Innovationslabor des gemeinnützigen Verbands für Bauwerksbegrünung. Grundsätzlich können dabei das Dach, die Fassade oder der Innenraum begrünt werden. Die Pflanzen sind entweder im Erdreich neben dem Gebäude verwurzelt (bodengebunden) oder in wasserdichten Pflanztrögen (troggebunden) auf dem Dach oder an der Fassade. Letzteres kommt in Wien noch eher selten vor und die Kosten für Bewässerung und Wartung sind beträchtlich. „Leider sehen wir oft nicht professionell umgesetzte Begrünungen, die dann natürlich nicht funktionieren. Da ist dann die Pflanzenwahl falsch, der Pflegeschnitt nicht fachgerecht oder es wurde die Rankhilfe weggelassen an der eine Kletterpflanze entlang wachsen könnte“, berichtet Gruchmann aus der Beratungs-Praxis. Am leichtesten zu pflegen ist der Wilde Wein oder volkstümlich „Veitschi“ genannt. Wenn er im Boden wurzeln kann, klettert er mehrere Meter eigenständig die Fassade hinauf (Selbstklimmer) und beschädigt auch den Putz nicht, wie ein Efeu. Eine neuere Erfindung und sehr pflegeintensiv sind so genannte Living Walls, dicht bis zur Decke begrünte Innenwände, die immer wieder in Bürogebäuden zu sehen sind. Sie sollen das Raumklima durch Verdunstung verbessern.

Darf’s ein bisschen kühler sein?

Welche Wirkung kann eine Gebäudebegrünung nun realistisch auf den Wohnraum haben? Ein Blick mit der Wärmebildkamera zeigt, dass eine begrünte Fassade sich um einige Grad weniger aufheizt als eine unbegrünte. Hier das prominente Beispiel des Gebäude der MA 48:

Noch mehr wirkt sich eine Begrünung auf eine Glasfassade aus, wie eine Studie der TU Berlin gezeigt hat, und das auch finanziell. Die Betriebskosten eines Bürogebäudes für Kühlung und Heizung sind durch die vorgesetzte Begrünung von 16.000 Euro pro Jahr auf unter 3000 Euro gesunken.

Ähnliches gilt für eine intensive Dachbegrünung bei der mindestens 20 cm Substrathöhe zur Verfügung steht. Etwa 4 Grad weniger hat eine darunter liegende Wohnung im Sommer als bei einem konventionellem Dach und im Winter reduziert sich der Wärmeverlust. Sollen Bäum am Dach gepflanzt werden, wie auf dem Hundertwasserhaus, müssen es aber schon 80 cm Substrat oder mehr sein. Als Nebeneffekt werden bis zu 137 Liter Regenwasser pro Quadratmeter gespeichert, die nicht über die Regenrinne abfließen. Das entspricht etwa einer vollgefüllten Badewanne. Bei Starkregen kommt da einiges zusammen und jeder Hektoliter weniger ist eine Entlastung für das Kanalsystem. Außerdem werden die Dachmaterialien vor der Witterung geschützt und halten länger, was sich wiederum auf die Erhaltungskosten auswirkt.

Am besten gleich g’scheit gemacht

Was ist zu beachten, wenn man eine Innenhofmauer oder die Straßenfassade begrünen will? Der Putz sollte ohne gröbere Schäden sein, bevor man die Pflanzen auf ihn loslässt. Risse also lieber zuerst sanieren, statt sie kaschieren zu wollen! Wenn unten am Sockel in die Erde gepflanzt wird, empfielt es sich das Mauerwerk vor der Feuchtigkeit mit einer Abdichtung zu schützen. Günstiger ist es natürlich einen Pflanzentrog zu verwenden, statt eine asphaltierte Fläche aufzubrechen. Dafür hat man bei Grünstattgrau einen Trog namens BeRTA (Begrünung, Rankhilfe, Trog – All-in-One) entwickelt, der eine standardisierte Größe hat und auch den Ökokauf-Kriterien der Stadt Wien entspricht. „Die Idee war, dass das Genehmigungsverfahren für den öffentlichen Raum vereinfacht wird“, so Gruchmann. So ein Trog wird aber nicht einfach mit Blumenerde befüllt sondern hat verschiedene Schichten. Ganz unten sollte jedenfalls eine Drainage-Schicht zur Wasserspeicherung liegen. Genauso sollte es aber auch eine Entwässerung geben, damit die Wurzeln nicht dauerhaft im Wasser stehen. Eine Filterfließ trennt die Drainage von den oberen mineralischen Subtratschichten, die unten grob und nach oben hin immer feiner werden

Gehobene Ansprüche

Schwammstadt-Baum wäre eine Alternative zu den teuren Bewässerungsleitungen, wie sie jetzt Standard sind. In Wien kommt die neue Methode eher bei neu errichteten Straßen wie in der Seestadt vor oder bei größeren Umbauten wie in der Zollergasse im 7. Bezirk. Für eine einzelne Baumpflanzung müssten größere Asphalt-Flächen aufgebrochen werden als die üblich zwei mal fünf Meter und es müsste tiefer gegraben werden als ein Meter um die geforderten 36 Kubikmeter zumindest anzunähern. Erfahrungsgemäß bedeutet das zunächst höhere Kosten, aber man hat dafür später einen lebensfähigen, großkronigen Baum. Im Bezirks-Umweltausschuss wurden unlängst eine Reihe von Baumpflanzungen beschlossen und es sollte auf jeden Fall geprüft werden, ob es hier an einigen Standorten auch bei uns möglich ist, einen Schwammstadt-Baum zu pflanzen.

Mühsam wächst die Pflanze auf dem Haus

Andere Hindernisse zeigen sich in der Praxis bei den Vertikalbegrünungen. Das haben wir bereits vor einigen Jahren feststellen müssen, als wir mit der Volksschule Reisnerstraße eine einfach Innenhofmauerbegrünung auf den Weg bringen wollten. Nach einigen Anläufen und Terminen mit den zuständigen Magistratsstellen wurde das Projekt von der Schule schließlich aufgegeben. In der Diskussion nach den beiden Vorträgen hören wir auch von Widerständen in privaten Häusern, wo die Eigentümer:innen zum Teil gleichgültig oder ablehnend gegenüber Kletterpflanzen sind.

Erstaunlich beliebt waren die Fassadenbegrünungen übrigens eine Zeit lang bei den anderen Fraktionen im Bezirk, mit dem Hintergedanken, dass diese wenig Platz und vor allem keinen Parkplatz einnehmen würden. Wenn allerdings schon der Gehsteig schmäler als die 2 Meter Mindestbreite sind, wie es oft im Bezirk vorkommt, dann fehlt auch der Platz für ein schmales Pflanzbeet oder einen „BeERTA“-Trog. Was wir aber auch gelernt haben: Im grün-regierten 7. Bezirk übernimmt der Bezirk die Bodenöffnung im öffentlichen Raum, wenn Eigentümer:innen eine Fassadenbegrünung ambitionieren wollen. Daran könnte sich die Landstraße eine Beispiel nehmen, wenn auch vermutlich nur wenige von diesem Angebot Gebrauch machen werden. In den Gründerzeitvierteln ist es zudem oft nicht möglich eine historische Fassade mit Kletterpflanzen oder einem Rankgitter zu überziehen. Die Dachbegrünungen gehören hingegen bereits zum üblichen Inventar bei Neubauprojekten und werden z.B. überall im geplanten „Village im Dritten“ auf den Aspanggründen zu finden sein. Es werden wohl nicht überall Bäume sein, wie auf dem Hundertwasserhaus, aber ein kleiner Gemeinschaftsgarten mit Hochbeeten auf jedem Dach sollte in den nächsten Jahren umsetzbar sein. Was die Klimagrätzl betrifft, halten wir euch auf dem Laufenden wie es 2023 weitergeht!

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